Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Freitag, 24. April 2015

100 Jahre Armenier-Genozid Ein ewig schmerzhafter Blick zum Mosesberg

100 Jahre Armenier-Genozid

Ein ewig schmerzhafter Blick zum Mosesberg

Armin Wegner, ein deutscher Offizier, der im Osmanischen Reich stationiert war, war einer von vielen Zeitzeugen, die die Todesmärsche der Armenier dokumentierten. Auf diesem Bild hielt Wegner einen Flüchtlingszug einer armenischen Familien nach Syrien fest.
Armin Wegner, ein deutscher Offizier, der im Osmanischen Reich stationiert war, war einer von vielen Zeitzeugen, die die Todesmärsche der Armenier dokumentierten. Auf diesem Bild hielt Wegner einen Flüchtlingszug einer armenischen Familien nach Syrien fest. (Bild: Armenian National Institute / Reuters)
In der Türkei muss die armenische Minderheit ihre Identität nicht länger verbergen. Doch behindert die tabuisierte Vergangenheit eine volle Integration.
Lora Baytar Çapars Grossvater wurde als Muslim begraben, obwohl er ein armenischer Christ war. Auch ihr Vater hielt seine armenische Identität zeitlebens verborgen. Die Selbstverleugnung endete in der dritten Generation. «Oft trage ich ein grösseres Kreuz als dieses», sagt Lora und tippt mit den Fingern auf ihren silbrigen Halsschmuck – Jesus Christus am Kreuz. «Ich hätte es nicht ausgehalten, meine Identität zu verstecken», sagt die Kunsthistorikerin in der urigen Teestube von Vakifli, dem letzten armenischen Dorf in der Türkei. Die zweigeschossigen Häuser erinnern an Rusticos im Tessin. Alle in bestem Zustand, der hellgelbe Stein strahlt in der Sonne, dunkelbraune Jalousien, viele von ihnen geschlossen. Vom Meer her weht ein steifer Wind, der die Tannzapfen von den alten Bäumen purzeln lässt. Die Holzbänke vor der Teestube bleiben leer. Es ist zu kalt.
Drinnen serviert ein scheuer Jüngling dampfenden Tee in Gläsern. Der Holzofen in der Mitte des Raumes verströmt angenehme Wärme. Nur die Auswärtigen schrecken auf, wenn der Papagei im Käfig unvermittelt krächzt und Nonsens auf Türkisch von sich gibt. Wahrscheinlich hat der Vogel dies von den Gästen gelernt. Die meisten Armenier in Vakifli sprechen zwar ihre Muttersprache, viele Diskussionen werden aber in Türkisch geführt, auch am Stammtisch. An der Wand hängt, wie überall im Lande, ein Bildnis des Gründers der Republik, Atatürk. Durch die undichten Fenster pfeift der Wind.
Fast alle Armenier in Vakifli sprechen ihre Muttersprache – am Stammtisch reden sie aber türkisch.
Fast alle Armenier in Vakifli sprechen ihre Muttersprache – am Stammtisch reden sie aber türkisch.(Tolga Sezgin / Keystone)

Verschwiegener Völkermord

Im anatolischen Dorf Vakifli, im Südosten der Türkei nahe der syrischen Grenze, leben 135 armenische Türken unter sich. Lora zog von Istanbul, wo dieVernichtung des armenischen Volkes am 24. April 1915 ihren Anfang genommen hatte, in die Provinz Hatay. Vakifli, das sind ein paar Dutzend Steinhäuser, verstreut am Fusse des Musa Dagh, des Mosesbergs, wo Orangenplantagen, Mandarinenbäume, Ginster und Wacholder die Hänge zum Leuchten bringen.
In den Apriltagen 1915 verschanzte sich die Bevölkerung von Vakifli auf dem Mosesberg, um sich der Umsiedlung zu widersetzen, die wohl die meisten nicht überlebt hätten. 52 Tage harrten rund 5000 Armenier auf dem Berg aus, an dem Moses in biblischer Zeit gerastet haben soll. Gerettet wurden die Einwohner Vakiflis und fünf anderer Dörfer durch französische Kriegsschiffe, die auf ein Feuer auf dem Gipfel aufmerksam wurden und die Armenier nach Ägypten in Sicherheit brachten. Manche kehrten nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs zurück, als Vakifli dem französischen Protektorat Syrien angehörte. 1938 wurde die Gegend Teil der unabhängigen Republik Hatay, die sich ein Jahr später der Türkei anschloss. Viele Armenier zogen es damals vor, in den von den Franzosen kontrollierten Staat Libanon umzusiedeln.
Loras Mann, Cem, im schwarzen Wollpullover und um die Dreissig, kommt mit Verspätung zum Gespräch in die Teestube. Der Tierarzt und Vorsteher der Kirchenstiftung von Vakifli war wegen einer trächtigen Kuh ins Nachbardorf gerufen worden, das bis 1915 ein armenisches war. Die Gegend sei heute ein kunterbuntes Gemisch aus Alewiten, Armeniern, Kurden, Turkmenen, Türken. Da fühle man sich nicht als Teil einer diskriminierten Minderheit, beteuert das junge Paar. Das einvernehmliche Nebeneinander funktioniert, solange das Thema Völkermord ausgeklammert wird. «Selbst enge türkische Freunde zweifeln, ob wirklich ein Genozid verübt wurde», erzählt Lora, die Kunsthistorikerin. In türkischen Geschichtsbüchern findet der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts ohnehin kaum statt. «In der Schule brachte man uns bei, dass wir Armenier Staatsfeinde der Türkei waren.»

Historische Geste

Zum 99. Jahrestag der Vertreibung der Armenier drückte der damalige Regierungschef Recep Tayyip Erdogan 2014 sein Bedauern aus und erklärte, die Deportationen hätten «inhumane Konsequenzen» gehabt. Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges bezeichnete er als «unser gemeinsames Leid». Erdogans Worte kamen mitnichten einer Anerkennung des Genozids gleich, wie sie Armenien einfordert. Doch machte Ankara einen Schritt, den Amerika als historische Geste lobte. Die «armenische Frage» wird in der Türkei heute unverkrampfter diskutiert, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Begriff Genozid vermieden wird. Türkische Historiker beschreiben die Vertreibung an den Armeniern als kriegsbedingte Notwendigkeit und betonen, dass auch viele Muslime getötet worden seien. Eine Anerkennung des Völkermordes, fürchtet Ankara, hätte Kompensationsforderungen zur Folge. Zudem würde das von der offiziösen Geschichtsschreibung gezeichnete Bild Atatürks beschmutzt.
Einige traditionelle armenische Häuser in Vakifli sind noch immer als Ruinen sichtbar.
Einige traditionelle armenische Häuser in Vakifli sind noch immer als Ruinen sichtbar.(Tolga Sezgin / NarPhotos / Keystone)
Der Republikgründer war einer der führenden Köpfe der Jungtürken, welche die Armenier der Kollaboration mit dem russischen Kriegsgegner bezichtigten und damit des Hochverrats am Osmanischen Reich. Mit derselben Vehemenz, mit der die Türkei gegen die Verwendung des «G-Worts» zu Felde zieht , insistiert Armenien auf einer Anerkennung ohne Wenn und Aber. Aus dieser Optik lässt sich ein bedeutungsvoller Dialog erst dann führen, wenn Ankara den Völkermord «gesteht».
Nach einer Phase der Annäherung, der die Rückgabe beschlagnahmter Liegenschaften an die armenische Gemeinschaft mit sich brachte, herrscht im 100. Gedenkjahr ein frostiges Klima. Der türkische Präsident Erdogan hat seinen Anteil daran: Für den 24. April lud er Staats- und Regierungschefs aus aller Welt ein, um an die Schlacht von Gallipoli zu erinnern. Nicht nur die Armenier, die an diesem Datum des Beginns der Greueltaten gedenken, sehen darin ein billiges diplomatisches Manöver. Mit dieser Gegenveranstaltung soll von der eigenen Verantwortung abgelenkt werden. Eine Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien scheint in weite Ferne gerückt.

Gespaltene Identität

In Vakifli finden zum 100. Jahrestag keine Feierlichkeiten statt. Und nirgendwo findet man im Dorf Schrifttafeln, welche über die historische Bedeutung Vakiflis aufklären würden. Cem Capar, der Veterinär, weicht dieser Frage zunächst aus. Dann sagt er: «Ich bin Armenier, aber auch Bürger der türkischen Republik.» Würde er sich ständig in Erinnerung rufen, dass seine Vorfahren von den Vorfahren des Nachbardorfs getötet worden waren, helfe ihm das nicht weiter, erklärt er etwas genervt. Für Cem gehört Vergessen offensichtlich zur Aufarbeitung.
Cem begleitet den Besucher zur Dorfkirche, ein stotziges Strässchen hinauf, vorbei an einem zweigeschossigen Steinhaus, das früher Schüler, heute Touristen, vor allem aus der armenischen Diaspora, beherbergt. Vorübergehend wurde das Gästehaus zum Flüchtlingszentrum für armenische Syrer aus der Stadt Kessab, die von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angegriffen wurde. «Wir hörten in Vakifli die Granateinschläge, als der IS nach Kessab vorrückte», erinnert sich Cem. Schliesslich eroberten die Truppen des syrischen Herrschers Asad die Grenzstadt zurück, und die Flüchtlinge zogen wieder in ihre Heimat.
Vakiflis armenische Kirche ist die Hauptattraktion im Dorfe. Die meisten Touristen kämen zuerst zum Gotteshaus, sagt die Hauswartin. Die Kirche wurde in den 1990er Jahren mit Staatsgeldern renoviert, auch wenn einige im Dorf lästern, der Wiederaufbau sei realisiert worden, als sich Ankara noch Hoffnungen auf einen Beitritt zur EU machte. Erdogan habe eine Vorzeigesiedlung herrichten lassen. Cem stellt dies nicht in Abrede, doch zählen für ihn die Resultate. 1995 war Vakifli das einzige Dorf in der Gegend ohne Strom und Wasser. Inzwischen wurde diese Ungerechtigkeit beseitigt. Cem, der in Vakifli geboren wurde und als Kind eine armenische Internatsschule in Istanbul besuchte, spricht von einem Demokratisierungsprozess im Land, der das Los der Armenier verbessert habe.
Während der Tierarzt der Armenien-Politik der Türkei eine positive Note abzugewinnen scheint, mag seine Frau Lora keinen ehrlichen Wandel erkennen. Das von Erdogan kundgetane Bedauern? «Für mich bedeutungslos», sagt sie. Schliesslich sei der auch Ministerpräsident gewesen, als der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink 2007 im Zentrum in Istanbul von einem Nationalisten erschossen wurde. Die Hintergründe des Mordes am Vordenker des Annäherungsprozesses sind bis heute nicht aufgeklärt – obwohl, wie Lora spöttisch anfügt, vor jedem Todestag wieder ein neuer Verdächtiger präsentiert werde. «Man hält uns wohl für blöd.» Lora arbeitete damals für die armenische Zeitschrift «Agos», deren Chefredaktor Dink war. Einen echten Willen zur Aussöhnung spürt Lora bei den Kurden, deren Vorfahren 1915 im Auftrag der osmanischen Herrscher Armenier massakrierten. «Ich habe manches anatolische Dorf besucht, wo man mir sagte, es tut uns leid, was Kurden euch angetan haben.»
1/8
Armin Wegner, ein deutscher Offizier, der im Osmanischen Reich stationiert war, war einer von vielen Zeitzeugen, die die Todesmärsche der Armenier dokumentierten. Auf diesem Bild hielt Wegner einen Flüchtlingszug einer armenischen Familien nach Syrien fest.
Armin Wegner, ein deutscher Offizier, der im Osmanischen Reich stationiert war, war einer von vielen Zeitzeugen, die die Todesmärsche der Armenier dokumentierten. Auf diesem Bild hielt Wegner einen Flüchtlingszug einer armenischen Familien nach Syrien fest. (Bild: Armenian National Institute / Reuters)

Vom Aussterben bedroht

Die grösste Bedrohung für das Dorf Vakifli ist die schrumpfende Einwohnerzahl. Seit acht Jahren hat niemand mehr hier geheiratet. Die Schule ist schon lange geschlossen, und wer berufliche Ambitionen hegt, lässt sich in Istanbul nieder, wo 90 Prozent der rund 60 000 armenischen Türken leben. Ausser Landwirtschaft und Tourismus bietet das Grenzland zu Syrien wenig Perspektiven. Der nahe Krieg hat zudem den Tourismussektor einbrechen lassen. Die einzigen immer wiederkehrenden Gäste sind die Armenier aus der Diaspora, die die heissen Sommermonate im kühleren Bergdorf verbringen.
Lora und ihr Mann Cem werden vermutlich mit ihrer Familie eines Tages nach Istanbul ziehen. Nur dort gibt es Schulen, in denen ihre beiden Kinder in der Muttersprache unterrichtet werden können. Und so würde auch diese Familie zum Gros der Armenier gehören, die ihre Heimatregion nur für ein paar Wochen im Jahr beleben. Doch auch als temporäre Bewohner werden Cems und Loras Kinder erfahren, was sich vor 100 Jahren am Mosesberg zugetragen hat.
Hier die Grafik als PDF.
Hier die Grafik als PDF.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen